074 Gehen uns die Ideen aus?

Wer Ideen pflanzt, darf ihr Wachstum nicht fürchten.

Es ist nicht bekannt, von wem dieses Sprichwort stammt. Es scheint aus einer Zeit zu stammen, in der im übertragenen Sinn Waldsterben kein Thema war. Doch wie ist das heute mit den Ideen im Business? Ich bin kürzlich auf eine Podcast-Episode der Sendung „Freakonomics Radio“ gestoßen. 

In ihrer Episode 310 vom 30. November 2017 beschäftigen sie sich mit der These, dass es immer schwieriger wird, neue Ideen zu entwickeln. Der überwiegende Teil der Geschäftswelt strebt stetiges Wachstum an und ist davon überzeugt, dass nur mit diesem unsere Zivilisation bestehen könne. Und um Wachstum zu erzielen, ist irgendeine Art von Innovation notwendig.

Irgendetwas muss anders getan werden, als vorher. Landläufig wird unter „wirtschaftlichem Wachstum“ eine Steigerung von Umsatz und/oder Gewinn verstanden. Und um das zu erzielen, sind die wichtigsten Hebel:

  • Mehr (oder andere) Produkte oder Dienstleistungen verkaufen
  • Höhere Preise erzielen
  • Die Kosten senken
  • (Märkte verändern sich zu unseren Gunsten – nicht planbar!)

Nun habe ich weder BWL noch VWL studiert und vermutlich gibt es noch viele weitere Facetten. Belassen wir es trotzdem bei diesen Rahmenbedingungen. Wollen wir einen der drei Hebel bewegen, müssen neue Ideen her. Und laut „Freconomics“ wird es immer schwerer und kostspieliger, diese Ideen zu realisieren. Zum Beispiel, weil mehr Forscher, Wissenschaftler oder Ingenieure beschäftigt werden müssen. 

Es steht die Frage im Raum, ob die Kosten für die Innovation das gewünschte Wachstum nicht immer häufiger auffressen. 

Was hat das mit QM zu tun?

Mir kommen dabei drei Gedanken:

I. Die Art und Weise, wie Unternehmen ihr Qualitätsmanagement leben, ist nicht auf Innovation des selbigen ausgerichtet. Deshalb sind wir auch eine der getriebensten Menschen, wenn wir über Digitalisierung sprechen. Und da sprechen wir noch nicht mal von Innovation, sondern davon, bestehende (innovative) Produkte und Dienstleistungen anzuwenden.

II. Das Qualitätswesen ist ständig damit beschäftigt, den Veränderungen, die von anderen gefordert werden, hinterherzulaufen. Dabei bleibt die Entwicklung QM-eigener Ideen oft auf der Strecke. Das sieht man an den verwendeten Methoden:

  • Der Grundgedanke des PDCA-Zyklus (auch bekannt als „Deming-Kreis“ oder „Deming-Rad“) wurde schon in den 1930er Jahren entwickelt
  • Das Ishikawa-Diagramm (Ursache-Wirkung-Diagramm) geht auf die 1940er Jahre zurück
  • Das Kano-Modell der Kundenzufriedenheit hat seinen Ursprung in den 1970er Jahren

Vereinfacht gesagt, versuchen wir, moderne Probleme mit uralten Methoden zu lösen. Würden diese Methoden zumindest verstanden und effektiv (geschweige denn effizient) eingesetzt, wäre das wahrscheinlich gar nicht so schlimm. Manchmal ist es erschreckend, wie wenige Qualitätsmanager allein Ahnung von Statistik haben. Ich kann Dich nur ermutigen, Dich mit dem Thema zu beschäftigen.

III. Wenn wir jemals einen Gleichklang bei der Industrialisierung erreichen wollen, dann muss sich das Qualitätsmanagement selbst innovieren und darf nicht, wie bisher darauf warten, dass andere uns zur Weiterentwicklung zwingen. Ein anzustrebender Gleichklang wäre mindestens „Industrie 4.0 = Qualität 4.0“. Soll das Qualitätswesen jemals eine wirklich führende Disziplin werden, dann brauchen wir eigentlich hinter dem Punkt eine Version höher als die Industrie, sonst laufen wir ständig hinterher. 

Adaption statt Innovation

Vielleicht ist es aber auch der Natur des Managements von Qualität geschuldet, dass wir häufiger reagieren, anstatt zu agieren: Kunden haben Anforderungen, wir helfen dabei, sie zu erfüllen. 

Kunden haben beschweren sich, wir managen sie und sorgen dafür, dass die Fehler nicht wieder vorkommen. Wenn QM sich als das „Management von Anforderungen“ verstanden wird, dann wäre es auch gar nicht unsere Aufgabe, uns mit Anforderungen zu beschäftigen, die heute noch gar niemand gestellt hat, oder?

Falls dem so ist, habe ich zum Schluss noch eine versöhnliche Nachricht: Draußen in der Welt sind noch so viele gute Ideen, die bereits umgesetzt werden! Das QM kann von diesen Ideen eine Menge übernehmen und auf die eigenen Bedürfnisse anpassen. Das allein kann uns Qualitätsmanagern zu wahren Wachstumsschüben und zu mehr Freude an unserer Arbeit verhelfen. Wir müssen dazu nur die Augen offen halten und auch mal etwas wagen.

In vielen Branchen werden Produkte und Dienstleistungen immer häufiger „unfertig“ auf den Markt gebracht. Und dann mithilfe des Feedbacks der Kunden nach deren Bedürfnissen weiterentwickelt. Das hat zwangsläufig zur Folge, dass nicht alle Probleme und Herausforderungen von vornherein bekannt sein können. In einem solchen Umfeld hat Reaktion eine deutlich höhere Priorität als Prävention. 

Ich bin der Ansicht, dass wir uns mit den Anforderungen der Zukunft beschäftigen müssen. In der einigen Branchen mehr als in anderen. Umso wichtiger, dass wir uns nicht weiter überholen lassen, nur um der bestmöglichen Lösung hinterherzulaufen. 

Riesige Wachstumsschübe für die Zukunft?

Zum Schluss möchte ich noch drei sehr zukunftsreiche Entwicklungen für Dich skizzieren, die laut Freakonomics und den interviewten Wissenschaftlern und Ökonomen ein großes Wachstumspotenzial für unsere Zukunft haben:

Bioprinting

Das finde ich extrem spannend: Die Vorstellung, man könne von einem Organismus (zum Beispiel einem Krebspatienten) gesunde Zellen entnehmen und mit einem 3D-Drucker einfach ein neues, gesundes Organ drucken lassen. 

So etwas ist in Zukunft vielleicht auch für alle Arten von Produkten möglich. Zum Beispiel Lebensmitte. Der Drucker wird gefüllt mit den atomaren Bausteinen, aus denen die Lebensmittel bestehen und wir als Verbraucher wählen einfach aus, welches Lebensmittel gedruckt werden soll.

Schon druckt unsere persönliche Lebensmittelfabrik Gurken oder Karotten, welche die ideale Nährstoffzusammensetzung aufweisen – ganz ohne Belastung der Landwirtschaft und Monokulturen. 

Robotik

Es ist kein Geheimnis, dass Roboter immer besser werden und künftig viele menschlichen Arbeitskräfte ersetzen werden. Was mich aber wirklich erstaunt hat: schon im Jahr 2017 gab es ein Projekt, bei dem Roboter allein bzw. mithilfe eines menschlichen Helfers Häuser bauen – und das drei- bis sechsmal so schnell wie es heute möglich ist.

Diese Roboter können Rohbauten schon so gut wie autonom und innerhalb von 24 Stunden bauen. Sie können sogar die Lücken für Fenster und Leitungen aussparen. 

Augmented Reality (AR) 

Diese Technologie ermöglicht die Vermischung zwischen Realität und „Fantasie“. Im Gegensatz zu Virtual Reality (VR) spricht AR alle Sinne des Menschen an. 

Für die Spielewelt gibt es schon etliche Anwendungen für Augmented bzw. Virtual Reality. Mittels einer Brille (oder künftig Kontaktlinsen) ist es möglich, über die echte Realität bestimmte Bilder zu projizieren, die sich dann mit der Wirklichkeit vermischen. 

Ich könnte mir Vorstellen, dass solch eine Technologie für Schulungen und Unterweisungen in Zukunft extrem hilfreich sein könnte. Man könnte damit gefährliche Situationen noch realistischer simulieren. 

Wie sieht die Zukunft der Menschheit aus?

So spannend derlei Technologien auch sein mögen, sie können uns auch ängstigen. Wenn Technologie uns immer mehr Arbeit abnimmt, welchen Sinn hat die menschliche Existenz dann für die Erde? Schaffen wir uns gerade selbst ab? Oder arbeiten wir nur daran, künftig noch mehr Zeit dafür zu haben, unsere Umwelt zu zerstören?

Und hat wirtschaftliches Wachstum seine Grenzen? Wirtschaftswachstum wird Prozent ausgedrückt. Das bedeutet, dass für 1 % dieses Wachstums immer mehr Anstrengung notwendig ist. Wie lange können wir diese Anstrengungen noch durch Effizienzsteigerung kompensieren?

So nachdenklich diese beiden Fragen auch machen können. Ich finde, wir leben in einer großartigen Zeit mit nahezu unendlich vielen Möglichkeiten. Wenn wir mit diesen Möglichkeiten verantwortungsvoll umzugehen lernen, dann werden wir imstande sein, auch die großen Probleme unserer heutigen Zeit zu lösen.